Angst essen Seele auf

Angst essen Seele auf

Diese Aussage ist weder als syntaktische Fehlleistung meinerseits aufzufassen, noch entstammt sie den Powerpoint-Folien einer DaF- respektive DaZ-Vorlesung, die auf häufig gemachte Fehler beim Erwerb der deutschen Sprache hinweisen soll. Angst essen Seele auf ist, wie wir als (fast) umfassend gebildete Studenten zweifelsohne wissen, vielmehr der Titel eines cineastischen Melodrams aus den frühen 1970er Jahren (Regie und Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder). Gelegentlich bedarf es, davon bin ich überzeugt, der Worte anderer, um Eigenes treffend auszudrücken. Doch kann man etwas Komplexes und zugleich Weitverbreitetes wie Angst tatsächlich sein Eigen nennen?

Der Angst, begründet oder unbegründet, haftet etwas Performatives an, und jeder kennt sie, diese Heimsuchung, diesen ungebetenen Gast, der sich aufdrängt und erbarmungslos Gedanken okkupiert, vermeintlich Alltägliches zur unüberwindbaren Hürde werden lässt. Die Furcht begleitet uns oftmals; sie hat schließlich auch ihr Gutes: Sie lässt uns wachsam bleiben! Ihre schützende Hand wird jedoch zur züchtigenden, sobald unsere Achtsamkeit überhandnimmt und das stets aufmerksame Auge nicht mehr ruhen kann, weil es längst allzu misstrauisch geworden ist, überall ein Menetekel wahrnimmt. Vor allem dort, in jenen Winkeln unserer Seele, in welchen bisher noch beruhigende Ordnung herrschte.

Die Universität (Achtung: Metonymie – man denke an den Rhetoriktest zurück, auch wenn diese Stilfigur nicht Teil des Lernstoffes war) lehrt uns tagtäglich, worauf wir zu achten haben, wenn wir uns mit Diachronie und Literatur auseinandersetzen; philosophisches – nicht immer leicht verdauliches – Gedankengut sollte in dieser Aufzählung ebenfalls, und keineswegs bloß am Rande, Erwähnung finden! Doch Derrida, Foucault, Butler und Konsorten werden uns nicht dabei behilflich sein, uns von den Ängsten zu befreien, die wir empfinden, wenn wir über Derrida, Foucault, Butler und Konsorten Prüfungen ablegen müssen, um ehrenhaft, und am besten in Mindestzeit, die von uns verlangten ECTS-Punkte zu sammeln. In diesen Momenten stehen wir mutterseelenallein da – fast so gottverlassen wie Estragon und Wladimir … als sie auf Godot warteten.

Angst, Beklemmung, Bedrückung, eine leichte Paranoia, all das keimt in uns auf, wenn wir eine Prüfung ablegen; sogar dann, wenn diese in diversen Facebook-Gruppen als »watscheneinfach« oder »easy-peasy« gehandelt wird.

Dann, plötzlich, aber nicht gänzlich unerwartet, erscheint wieder einmal die altbekannte Benachrichtigung auf dem Display unseres Telefons, die stets für Herzrasen sorgt: »Information: Neue Note wurde eingetragen.« Das hektische Einloggen in die unendlichen Weiten von u:space bringt schlussendlich Gewissheit: »Angst essen Seele auf! Note: 2.«